Auf einen Blick
- Lage
- Babylon bei Hilla, ca. 85 km südlich von Bagdad
- Erbaut
- Um 575 v. Chr. unter Nebukadnezar II.
- Geweiht
- Ischtar, Göttin der Liebe und des Krieges
- Ausgrabung
- 1902–1914, Deutsche Orient-Gesellschaft unter Robert Koldewey
- Besuchsdauer
- Mind. 1 Stunde (ganz Babylon 2–3 Stunden)
- Beste Reisezeit
- Oktober bis April
Wer in Berlin aufgewachsen ist oder einmal auf der Museumsinsel war, kennt dieses Bild: eine Wand aus tiefblau glasierten Ziegeln, über die goldene Stiere und rätselhafte Drachen schreiten. Das Ischtar-Tor von Babylon gehört zu den berühmtesten Exponaten Deutschlands. Weit weniger bekannt ist, dass man den Ort, an dem es stand, heute besuchen kann – in Babylon im Zentralirak – und dass dort Teile des originalen Tores noch genau an ihrem Platz stehen.
In diesem Reiseführer erfahren Sie, was das Ischtar-Tor war, wie es nach Berlin kam, was Sie davon heute in Babylon sehen können und wie sich der Besuch in eine Irak-Reise einfügt – mit den Tipps, die ich meinen Gästen vor Ort gebe.
Was war das Ischtar-Tor von Babylon?
Das Ischtar-Tor war der prächtige Nordeingang der Innenstadt von Babylon. Errichtet wurde es um 575 v. Chr. im Auftrag von Nebukadnezar II., dem König, der Babylon zu einer der größten und glanzvollsten Städte seiner Zeit machte. Die Innenstadt besaß acht Tore, jedes einer Gottheit geweiht; dieses gehörte Ischtar, der Göttin der Liebe und des Krieges.
Das Tor war weit mehr als ein Durchgang. Es war ein Bekenntnis zu Macht und Frömmigkeit, das Erste, was Boten, Gesandte und religiöse Prozessionen beim Betreten des Stadtzentrums sahen. Hindurch führte die Prozessionsstraße, der heilige Weg zum Tempel des Marduk, des Hauptgottes von Babylon.
Stiere, Drachen und Löwen: die Wände lesen
Unvergesslich wird das Ischtar-Tor durch seinen Schmuck. Die Mauern waren mit Ziegeln verkleidet, die eine leuchtend blaue Glasur trugen – eine Farbe, die an kostbaren Lapislazuli erinnerte. Auf diesem Grund setzten die Handwerker reliefierte Tiere in Gelb, Braun und Weiß, in langen, abwechselnden Reihen.
Der Stier des Adad
Die Stiere, meist als Auerochsen gedeutet, waren das Tier des Wettergottes Adad, Herr über Sturm und Regen. In einem Land, das von seinen Flüssen und Ernten lebte, war er ein Gott, den man sehr ernst nahm.
Der Muschchuschu des Marduk
Das zweite Tier ist das faszinierendste: der Muschchuschu, ein Mischwesen mit Schuppenleib, Schlangenkopf und gespaltener Zunge, Löwenpranken vorn und Raubvogelkrallen hinten. Er war das heilige Tier Marduks. Kinder nennen ihn in Babylon einfach „den Drachen“ – und liegen damit gar nicht so falsch.
Die Löwen der Ischtar
Entlang der Prozessionsstraße, die auf das Tor zulief, schritten Reihen glasierter Löwen, das Symbol der Ischtar selbst. Stiere, Drachen und Löwen bildeten so eine Art Ehrengarde der Götter für jeden, der die Stadt betrat.
Nebukadnezar hinterließ zudem eine lange Keilschriftinschrift über den Bau. Darin erklärt der König, er habe das Tor neu errichtet, mit blauen Ziegeln und Bildern von Stieren und Drachen geschmückt und mit Zedernholz gedeckt, damit die Menschen es staunend betrachten. Fast 2.600 Jahre später tun sie genau das.
Von Babylon auf die Museumsinsel
Jahrhundertelang lag das Tor unter den Ruinen Babylons begraben. Zwischen 1902 und 1914 legte eine Expedition der Deutschen Orient-Gesellschaft unter dem Architekten und Archäologen Robert Koldewey den Bereich frei und barg unzählige Bruchstücke glasierter Ziegel. Sie wurden nach Deutschland gebracht und dort über viele Jahre sortiert und zusammengesetzt.
Das Ergebnis ist die berühmte Rekonstruktion im Pergamonmuseum in Berlin, 1930 eröffnet: der kleinere Vorderteil des Tores samt einem Abschnitt der Prozessionsstraße. Das Museum ist wegen einer langen Sanierung geschlossen, eine schrittweise Wiedereröffnung ist angekündigt – prüfen Sie vor einem Besuch die offizielle Website. Einzelne Löwen-, Stier- und Drachenreliefs sind außerdem in weiteren Museen zu sehen, etwa in Istanbul, Paris und New York.
Was Sie vom Ischtar-Tor heute in Babylon sehen
Die blaue Nachbildung am Eingang
Wenn Sie die Ausgrabungsstätte Babylon bei der Stadt Hilla erreichen, empfängt Sie ein leuchtend blaues Tor mit Tierreihen: eine kleinere, moderne Nachbildung des Ischtar-Tores. Sie ist nicht antik, vermittelt aber wunderbar Farben und Rhythmus des Originals. An einem sonnigen Tag vor blauem Himmel ist sie eines der meistfotografierten Motive im Irak.
Die originalen Fundamente – noch an Ort und Stelle
Der eigentliche Schatz liegt ein paar Schritte weiter. Das Tor wurde mehrfach erneuert und dabei erhöht; seine unteren Bauphasen aus unglasierten Ziegeln blieben im Boden, als die oberen Teile abtransportiert wurden. Heute steigen Sie zwischen diesen Originalmauern hinab und sehen Dutzende Stiere und Drachen im Relief – genau dort, wo Nebukadnezars Baumeister sie setzten. Sie sind erdfarben statt blau, doch wer sie berührt, berührt das Babylon des 6. Jahrhunderts v. Chr. Für Besucher, die das Tor aus Berlin kennen, ist das oft der bewegendste Moment der ganzen Reise.
Die Prozessionsstraße
Vom Tor aus folgen Sie einem Teil der Prozessionsstraße, auf der beim Neujahrsfest Akitu die Götterstatuen getragen wurden. Musik, Menschenmengen, glasierte Löwen zu beiden Seiten – vor Ort fällt die Vorstellung leicht.
Alles Weitere zur Stätte – den Löwen von Babylon, den Südpalast und den Sockel der großen Zikkurat – finden Sie in meinem Reiseführer „Babylon im Irak besichtigen“.
Anreise von Bagdad zum Ischtar-Tor
Babylon liegt rund 85 km südlich von Bagdad, je nach Verkehr etwa anderthalb Stunden mit dem Auto. Praktische öffentliche Verkehrsmittel für Touristen gibt es nicht; die meisten kommen mit Privatwagen und Fahrer oder im Rahmen einer geführten Tour. Unterwegs passieren Sie übliche Kontrollpunkte – halten Sie den Reisepass griffbereit.
Der Bereich des Ischtar-Tores liegt ganz am Anfang des Rundgangs und ist damit der natürliche erste Halt.
Beste Reisezeit
Am angenehmsten sind die Monate Oktober bis April mit milden Temperaturen und weichem Licht. Im Sommer steigen die Werte oft über 45 °C – dann möglichst früh am Morgen kommen. Fotografen freuen sich über Morgensonne auf der blauen Nachbildung; die Reliefs in den Fundamenten zeigen ihre Details am besten, wenn die Sonne nicht senkrecht steht.
Planen Sie mindestens eine Stunde für Tor, Fundamente und Prozessionsstraße ein, für ganz Babylon zwei bis drei Stunden.
Praktische Tipps
- Eintritt: Tickets gibt es am Eingang. Preise können sich ändern, nehmen Sie daher Bargeld in Irakischen Dinar mit.
- Schuhe und Sonne: Der Boden ist uneben, Schatten gibt es kaum. Hut, Sonnencreme und Wasser gehören ins Gepäck.
- Nicht nur nach oben schauen: Viele fotografieren die blaue Nachbildung und gehen weiter. In Erinnerung bleiben aber die originalen Reliefs in den Fundamenten.
- Berlin und Babylon verbinden: Wer das Tor im Pergamonmuseum gesehen hat, erlebt in Babylon seinen ursprünglichen Ort – und umgekehrt.
- Visum: Die Einreisebestimmungen für den Irak ändern sich immer wieder. Prüfen Sie vor der Buchung die aktuellen offiziellen Informationen für Ihre Staatsangehörigkeit.
Das Ischtar-Tor auf einer Irak-Reise
Der Besuch des Ischtar-Tores ist Teil eines Tages in Babylon, der sich gut mit den heiligen Städten Kerbela und Nadschaf weiter südlich verbinden lässt. Auf unserer 7-tägigen Irak-Kulturreise steht Babylon gleich nach Bagdad auf dem Programm – oft der Moment, in dem Reisende die Tiefe der mesopotamischen Geschichte zum ersten Mal spüren. Danach fahren viele weiter nach Nadschaf zum Imam-Ali-Schrein. Die 9-tägige Rundreise ergänzt zusätzlich den Norden.
Am Tor bleibe ich mit jeder Gruppe vor einem bestimmten Drachen in den Fundamenten stehen. Zunge, Krallen, sogar die Schwanzspitze sind nach mehr als zweieinhalbtausend Jahren noch scharf gezeichnet. In diesem Moment hören die Leute auf zu fotografieren und schauen einfach nur. — Saif
Häufige Fragen
Steht das originale Ischtar-Tor in Babylon oder in Berlin?
In gewisser Weise an beiden Orten: Der glasierte Vorderteil wurde im Berliner Pergamonmuseum rekonstruiert, die originalen unglasierten Fundamente mit Stier- und Drachenreliefs stehen noch in Babylon.
Ist das blaue Tor am Eingang von Babylon echt?
Nein, es ist eine kleinere moderne Nachbildung. Die antiken Teile sind die Fundamente wenige Schritte entfernt.
Welche Tiere zeigt das Ischtar-Tor?
Stiere, heilige Tiere des Wettergottes Adad, und den Muschchuschu-Drachen des Marduk. Glasierte Löwen, Symbol der Ischtar, säumten die Prozessionsstraße.
Wie weit ist das Ischtar-Tor von Bagdad entfernt?
Babylon liegt rund 85 km südlich von Bagdad, etwa anderthalb Stunden mit dem Auto.
Wann ist die beste Reisezeit?
Oktober bis April bei mildem Wetter. Im Sommer am besten früh morgens kommen.
Brauche ich ein Visum für den Irak?
Die Einreisebestimmungen ändern sich immer wieder. Prüfen Sie vor der Buchung die aktuellen offiziellen Informationen für Ihre Staatsangehörigkeit.